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[Geschichte des Wartbergs] Übersicht:
Zur Geschichte Wertheims und des Stadtteils WartbergDie alte fränkische Stadt Wertheim liegt im Mündungsdreieck zwischen Tauber und Main. Der Main bildet sowohl eine geographische als auch eine politische Grenze: zwischen Odenwald und Spessart, zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Die in Jahrhunderten organisch gewachsene Einheit der Grafschaft mit der Stadt als Zentrum wurde durch die "Napoleonische Flurbereinigung" zu Beginn des 19. Jahrhunderts jäh zerrissen. Das linksmainische Gebiet wurde badisch. Die Bezeichnung "Badisch Sibirien" für den äußersten Nordosten des Großherzogtums dokumentiert in eindringlicher Weise die folgenschwere politische wie wirtschaftliche Randlage der bis zu ihrer Auflösung blühenden Grafschaft, zu deren Zeit der Main als Lebensader galt. Tüchtige Handwerker, Schiffer, vor allem aber Weinhändler hatten der Stadt ansehnlichen Wohlstand gebracht, wie der noch heute sichtbare spätmittelalterliche Charakter der Stadt mit engen Straßen, verwinkelten Gässchen, spitzgiebeligen Fachwerkhäusern mit vorkragenden Stockwerken, überhaupt die vielen Sehenswürdigkeiten kirchlicher und profaner Kunst beweisen. Der Wertheimer Wein war berühmt; Goethe trank nicht nur den Würzburger Stein, sondern auch tauberfränkischen Wein: "Wertheimer, 2 Bouteillen, folgen anbei", schrieb Christiane an ihren "Geheimerath" am 22.5.1816. Die nach 1806 weitgehend stagnierende Wirtschaft erhielt erst durch den Eisenbahnbau ( und den Bau der Eisenbahnbrücke über den Main) neue Impulse. Bescheidene Anfänge der Industrialisierung in der traditionellen Handwerker- und Handelsstadt kamen über Ansätze nicht hinaus.
Bearbeitet von Hugo Eckert Seit den liberalen Reformen in der Sowjetunion Ende der
80er Jahre sind etwa zwei Millionen Russlanddeutsche ins Land ihrer Vorfahren
zurückgekehrt. Die meisten kamen aus Kasachstan und Russland, vor allem weil
sie für sich und ihre Kinder kaum Zukunftsperspektiven sahen. Für alle
bedeutete die Auswanderung einen tiefen Lebenseinschnitt: die Trennung von der Heimat,
von Freunden und Verwandten Wir ließen
hinter uns das halbe Leben stehen, die Seele wurde ausgetauscht, schrieb die
Lyrikerin Lydia Rosin. Obwohl die Deutschen in Russland über 200 Jahre ihre
eigene Kultur bewahrt haben, besonders den angestammten Glauben, den Dialekt und
das Brauchtum, sind sie dennoch von zwei Kulturen geprägt. Erst nach dem
Zweiten Weltkrieg wurden viele Ehen mit einem nichtdeutschen Partner
geschlossen. Jeder jüngere Deutsche aus Russland versteht das Russische wie
eine Muttersprache. Schließlich musste seit 1941 außerhalb der Wohnung
ausschließlich Russisch gesprochen werden. Die Achtung der deutschen Sprache in
der Sowjetunion über Jahrzehnte hinweg führte schließlich dazu, dass die
meisten Kinder und Jugendlichen bei der Ausreise allenfalls den deutschen
Dialekt ihrer Großeltern und Eltern kannten, nicht aber die deutsche Sprache
und Schrift. Schmerzhaft war es für die Russlanddeutschen, wenn sie drüben als
Nazis diffamiert wurden, und erst recht schmerzlich ist es, wenn sie bei uns
wegen ihrer kompetenten Teilhabe an der russischen Kultur und Sprache als Russen
diskriminiert werden. Es ist ein Skandal, dass das Wort Russe
in unserem Land noch oft in herabsetzender Weise verwendet wird. Ein Einblick in Geschichte, Kultur, Schicksale und
Hintergrunde der Auswanderung soll Verständnis wecken für die besondere
Problematik der Russlanddeutschen, die gemäß des Grundgesetzes als Deutsche
gelten. Da in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch immer über eine Million
Deutsche leben und weiterhin mit vielen Zuwanderern von dort zu rechnen ist,
wird das Thema der Spataussiedler noch viele Jahre aktuell bleiben. Ausdrücklich
sei darauf aufmerksam gemacht, dass mit dem Aufzeigen der oft sehr tragischen
Schicksale in der Stalin-Ära keine antirussischen Emotionen entstehen dürfen;
unter Stalin hatten auch Millionen von Sowjetbürgern nichtdeutscher Nationalität
zu leiden, zum Beispiel in den berüchtigten Gulags. Der deutsche Überfall auf
die Sowjetunion am 22 Juni 1941 und die daraus resultierenden Folgen sind in den
Ländern der ehemaligen Sowjetunion bis heute in fast jeder Familie noch
unmittelbar lebendig. Der Blutzoll war extrem hoch. Ministerpräsident Putin
erinnerte anlässlich des 60 Jahrestags des Einmarschs der deutschen Wehrmacht
an die 27 Millionen Todesopfer der Sowjetunion zwischen 1941 und 1945. Auch das
Leid der Russlanddeutschen in jener Zeit war uner-messlich groß. Sie wurden als
Deutsche entrechtet und zur Zwangsarbeit verpflichtet, obwohl sie keine Schuld
hatten an den Folgen des Hitlerschen Vernichtungskriegs. Aber es gab in den
Zeiten der schlimmsten Not auch 1000fach erlebtes Verständnis und tätige
Hilfsbereitschaft von Sowjetbürgern, insbesondere von Russen und Kasachen. In keinem anderen Bundesland leben so viele
Russlanddeutsche wie in Baden-Württemberg: über 750.000. Da sehr viele von
ihnen einen schwäbischen Dialekt sprechen, möchten sie gern dort wohnen, wo
man sich gegenseitig versteht. Eine Reihe von Kolonistendörfern trugen schwäbische
Namen. 1831 wurde im Kaukasus zum Beispiel Neustuttgart gegründet. Baden-Württemberg
ist sich der besonderen Verantwortung für die Nachfahren der Auswanderer aus
vielen 100 Orten unseres Landes bewusst und übernahm verdienstvollerweise die
Patenschaft für alle Russlanddeutschen. Gerade sie, die in zwei Kulturen und
Sprachen beheimatet sind, können als Mittler zwischen Russland und Deutschland
einen wesentlichen Beitrag zur Verständigung der beiden Volker leisten. Als Reaktion auf das Manifest der Zarin Katharina II von
1763 bat eine junge Waise aus Höhefeld die Verwaltung der Grafschaft Wertheim
um Entlassung aus der Leibeigenschaft. Als Grund gab die Waise an, dass sie aus
äußerster Not ihr Gluck außerhalb suchen möchte, in Russland. Das Gesuch
wurde bewilligt. Voraussetzung war eine Aufstellung des Vermögens. Margaretha
Alberths Schulden beliefen sich auf 66 Gulden. Das Vermögen der Waise, darunter
vermutlich ein kleines Haus, wurde an den Meistbietenden für 177 Gulden öffentlich
verkauft. 5 ½ Gulden, etwa fünf Prozent des Vermögens, musste die Waise für
die Entlassung aus der Leibeigenschaft zahlen. Da bei früheren Auswanderern
(nach Amerika) in den Jahren zuvor bis über 20 Prozent abverlangt wurden, ist
zu vermuten, dass die Auswanderung des Mädchens von der Verwaltung auf lange
Sicht als ein Vorteil angesehen wurde; schließlich sagt die Waise selbst, dass
sie kaum ein Stückchen Brot durch tägliche Arbeit erwerben könne. Sicherlich
hatte sie keine Ahnung, welche Strapazen ihr bevorstanden, nämlich eine
Entfernung von rund 4000 Kilometern, und dies in einer Zeit, da als
Transportmittel nur kleinere Schiffe und Fuhrgespanne auf schlechten Wegen zur
Verfügung standen. Mit dem Manifest der
Zarin, das zahlreiche Privilegien zusicherte, wurde 1766 auch in der Grafschaft
Wertheim geworben. Da zwischen 1752 und 1754 von hier 190 Untertanen aufgrund
des Auswanderungsfiebers nach Nordamerika ausgewandert sind, warnte die fürstliche
Verwaltung eindringlich vor dem Emigrations-Unwesen, verursacht durch Menschen-Käuferei.
Man konnte nicht verstehen, dass die Emigrationsbegierde
trotz getreuer Abmahnungen nicht aufhören wollte. 1764 wurde die
Auswanderung in die französischen Kolonie in Nordamerika bei Strafe der Confiskation der Güter verboten. Die Auswanderer würden
um ihre zeitliche Wohlfahrt und das
Heilige Römische Reich und die fürstliche Herrschaft um
ihre Untertanen gebracht. Die Seelenverkäufer,
wie die berufsmäßigen Werber abschätzig genannt wurden, sollten umgehend ins
Gefängnis geworfen werden. Für die Zeit zwischen 1755 und 1765 sind nur 15
Auswanderer registriert. Als 1766 auch in der Grafschaft für die Einwanderung
nach Russland geworben wurde, ordnete die fürstliche Regierung am 3 April 1766
an, dass dem Com-mißario der Russisch
Emigranten die Patente und
Instruktionen abzunehmen seien. Bemerkenswert ist die Aussage, dass es jedem
zu gönnen sei, wenn er sein Glück in fremden Landen verbessern könne, zumal
sich bisher nur von Armut und Not Betroffene entschlossen hatten, welche dem
Landesherrn mehr zur Last als wie zum Dienst und Nuz gewesen seien. Dies zeigt
die Hilflosigkeit gegenüber dem Problem, dass die überzählige Bevölkerung in
der damaligen Agrargesellschaft weder Arbeit noch Verdienst noch eine
wesentliche soziale Hilfe hatte. Gleichzeitig aber befürchtete man, dass eine
massenhafte Auswanderung der Grafschaft schaden könne. Sechs Einzelpersonen
und zwei Familien mit zusammen sechs Kindern bekamen 1766 die Erlaubnis, nach
Russland auszuwandern. Einmal heißt es konkreter: ... sich in der Nahe des Wolga-Stromes niederzulassen. Bis auf eine
Ausnahme handelte es sich um Menschen in existenzieller Not. Charakterisiert
wurden sie zum Beispiel so: ... weil
er sich nicht mehr ernähren kann; oder: ... da
sie ganz arm ist, darf sie ungelöst ziehen, das heißt ohne jegliche
Abzugssteuer. Die Redewendung von der
guten alten Zeit traf im 18 und 19
Jahrhundert für die unterständische Bevölkerung, wie Tagelöhner,
Kleinbauern, Kleinhandwerker, nicht zu. Kriege, Missernten und Hungersnote führten
häufig zu großer Not. Viele litten auch unter der Unfreiheit, unter Kriegs-
und harten Frondiensten. Wahrend des Siebenjährigen Kriegs wurden zum Beispiel
Soldaten aus Hessen nach Nordamerika verkauft. Viele Tausende von Soldaten aus Württemberg,
Baden, Bayern und so weiter nahmen 1812 an dem verlustreichen Russlandfeldzug
Napoleons teil, nur wenige von ihnen kehrten zurück. In manchen Regionen
konnten sich religiöse Gruppierungen nicht entfalten, wie die Pietisten in Württemberg
oder die Mennoniten im Danziger Gebiet. Als um die Mitte des 18 Jahrhunderts
englische, französische und russische Werber durch die Lande zogen, stießen
sie vor allem in den stärker von vielfacher Not bedrückten Gebieten auf größeren
Widerhall. Ins Wolgagebiet machten sich 1763-1766 etwa 30.000 Menschen auf den
Weg, vor allem aus Hessen, aus den Rheinlanden und Württemberg: Jüngere und Ältere,
Alleinstehende und Familien mit Kindern. In einer zweiten Einwanderungswelle
zogen Mennoniten aus Danzig und Westpreußen in die Steppen nördlich des
Schwarzen Meers. Eine dritte Welle kam aus Württemberg. Sie begann 1804 und führte
Zehntausende donauabwärts (oder auf dem Landweg über Podolien) in die Umgebung
von Odessa am Schwarzen Meer, auf die Krim, in den Südkaukasus und vor allem
nach Bessarabien. Eine starke Gruppe überwiegend katholischer Auswanderer aus
der Pfalz, dem Elsass und Nordbaden brach seit 1809 ebenfalls in Richtung
Schwarzmeergebiet auf. Sie gründeten zum Beispiel bei Odessa große Dörfer,
denen sie vertraute Namen gaben, wie Karlsruhe, Straßburg, Mannheim, Basel,
Darmstadt. Weitere Siedler aus dem Gebiet der Weichsel sowie Auswanderer aus
Polen und Schwaben ließen sich in Wolhynien nieder. An der Wolga wurden 104
deutsche Kolonien, das heißt Dörfer, gegründet, sowohl auf der Bergseite
(westlich der Wolga) wie auch auf der Wiesenseite (östlich der Wolga). Da die
Kolonien schon bald aufgrund gediegener landwirtschaftlicher Kenntnisse, durch
Fleiß und Sparsamkeit aufblühten und die Bevölkerung sich vermehrte, gründeten
sehr aktive junge Leute Tochterkolonien, oft in weit entfernten Gebieten, zum
Beispiel im Nordkaukasus, am Ural, aber auch in Sibirien, Zentralasien und
Kasachstan. 1940 zählte man in der Sowjetunion 304 Mutterkolonien und 3232
Tochterkolonien, zusammen rund 3500 Dörfer. 1939 betrug die Zahl der Deutschen
in der Sowjetunion 1,6 Millionen. Die Geschichte der
Russlanddeutschen ist eng verwoben sowohl mit der russischen Innenpolitik wie
auch mit der russisch-deutschen Außenpolitik. Die Beziehungen zwischen Russland
und dem Deutschen Reich bis 1917 einerseits und das Verhältnis der Sowjetunion
zur Weimarer Republik, dem Dritten Reich und der Bundesrepublik andererseits
wirkten sich, zum Teil sehr nachhaltig, auch auf die Russlanddeutschen aus.
Sprichwörtlich bedeutete die Auswanderung für die erste Generation den Tod, für
die zweite die Not und erst für die dritte das Brot. Die Gesamtzahl der
deutschen Einwanderer in Russland im 18. und 19. Jahrhundert wird auf 100000
geschätzt. Bis 1914 hatte sich die Zahl der Einwohner in den deutschen
Kolonistendörfern bis auf 1,7 Millionen Menschen vermehrt. Der starke
wirtschaftliche Aufschwung gründete nicht nur auf den Privilegien, sondern auch
auf soliden Tugenden, wie Disziplin, Arbeitsethos, Sparsamkeit, Lernbereitschaft
und konsequente Vorsorge für die nächste Generation. Evangelische, katholische
und mennonitische Christen fühlten sich nicht nur Gott, sondern auch der
Obrigkeit und dem Nächsten gegenüber in der Verantwortung. Durch viele
verwandtschaftliche Beziehungen deutscher Herrscherhäuser (zum Beispiel Preußen,
Württemberg, Baden, Hessen) mit der Zarenfamilie konnten sich die Kolonisten
sicher fühlen. Als durch die Reichsgründung von 1871 in der Mitte Europas eine
Großmacht entstand, sahen dies einflussreiche national gesinnte Russen als eine
Bedrohung. Durch den immer stärker ausgeprägten Nationalismus auf beiden
Seiten und den mächtiger werdenden Panslawismus kam es zu ernsthaften
Spannungen, die im Wechselspiel der Politik der Großmächte zum Ersten
Weltkrieg führten. Rund 300.000 Russlanddeutsche trugen jetzt die Uniform des
Zaren, und sehr viele standen als Gegner den deutschen Brüdern an der Ostfront
gegenüber. Während der
Zwischenkriegszeit erlebten die Russlanddeutschen die Verstaatlichung von Grund
und Boden, schwere Hungersnöte, die Deportation der Kulaken und die große Säuberung
durch Stalin. Die ganz große Tragik aber begann mit dem Angriff Hitlers auf die
Sowjetunion 1941. Mehrere 100.000 Deutsche in der Sowjetunion wurden als
angebliche Spione vor allem nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Alle
standen unter strenger militärischer und geheimdienstlicher Aufsicht. Über
100.000 von ihnen, Männer und Frauen, wurden in die Trudarmee eingezogen und
mussten viele Jahre unter härtesten Bedingungen leben. Erst nach dem Besuch des
Bundeskanzlers Adenauer in Moskau 1955 konnten die Russlanddeutschen wieder
einigermaßen normal leben, aber sie waren noch immer in vielen Bereichen, zum
Beispiel im Bildungs- und Berufswesen, diskriminiert. Erleichterungen für die
Familienzusammenführung brachte der deutsch-sowjetische (Moskauer) Vertrag von
1970. Die neue Politik der Perestroika hatte eine Ausreisewelle zur Folge. Von
den vielfältigen Ausreisegründen sei vor allem die Furcht vor dem
aufflammenden Nationalismus, zum Beispiel in Kasachstan, genannt, der die
Deutschen erneut als Faschisten abstempelte. So arm, wie die Kolonisten einst
ausgewandert sind, so arm kehren die Nachfahren nach sechs, sieben, acht
Generationen zurück. Sie bauen sich mit dem gleichen Elan wie vor 200 Jahren
mit den noch immer gegenwärtigen Tugenden des Pioniergeistes eine neue Existenz
auf. Viele 100 000 Deutsche
leben noch immer in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Sie kennen
die für Spätaussiedler ungünstigen Bedingungen bei der Einwanderung: die hohe
Arbeitslosigkeit, die Zuweisung in bestimmte Bundesländer, mögliche Probleme
der Kinder und Jugendlichen in Schule und Berufsausbildung et cetera. Durch die
massenhafte Rückwanderung wurden viele der noch immer eng miteinander
verbundenen Großfamilien auseinandergerissen. Viele bleiben drüben aus Furcht,
sich nicht mehr in der Fremde eingewöhnen zu können. Wer einen russischen
Ehepartner hat, nimmt in der Regel Rücksicht auf dessen Wunsch, in der alten
Heimat zu bleiben. Fast jede russlanddeutsche Familie hat noch Verwandte und
Freunde in Kasachstan, Sibirien und anderswo. Im Unterschied zu den
Auswanderern nach Amerika gewährte das Manifest von 1763 den Kolonisten in
Russland mehrere sehr attraktive Privilegien: freie Reise und Kostgeld während
der langen Anreise; Steuerfreiheit für 30 Jahre; die freie Ausübung der
Religions-Uebung,
den Bau von Kirchen und Glockentürmen sowie das Recht, Pfarrer zu unterhalten;
die kulturelle Freiheit, weitgehende kommunale Selbstverwaltung und vor allem
die Befreiung vom Militärdienst. Zar Paul l. garantierte den Mennoniten, die
den Umgang mit Waffen ablehnten, die Befreiung vom Militärdienst für alle
Zeiten. Alexander l. verlangte von den Einwanderern seit 1804 alle nötigen
Kenntnisse über eine rationelle Landwirtschaft. Gefragt waren professionelle
Landwirte, Weinbauern, Vieh- und Schafzüchter. Beeinflusst vom
Panslawismus, forderten die russischen Nationalisten, dass die Privilegien der
Russlanddeutschen aufgehoben werden mussten. Nach der deutschen Reichsgründung
von 1871 mussten nun auch alle wehrfähigen Deutschen den Wehrdienst ableisten.
Besonders betroffen waren hiervon die Mennoniten; in der Folgezeit wanderten
Hunderttausende von ihnen nach Amerika aus, wo sie gemäß ihrer Religion unbedrängt
leben konnten. Zu Beginn des Ersten
Weltkriegs 1914 gehörten 300.000 Russlanddeutsche der Zarenarmee an. Während
der kommunistischen Zeit mussten die Deutschen in Russland die Uniform der Roten
Armee tragen. Angesichts der Kriegsgefahr wurden 1941 viele Russlanddeutsche aus
der Roten Armee ausgesondert, aus Furcht, Spione in der Armee zu haben. Dennoch
gab es Russlanddeutsche, die in der Roten Armee kämpften, auch gegen die
deutsche Wehrmacht. Als die Deutschen im Sommer 1941 die Schwarzmeergebiete
eroberten, wurden die wehrfähigen Jahrgänge in die Wehrmacht eingegliedert,
die meisten in die SS (nur scheinbar freiwillig). Beim Einsatz der Roten Armee
gegen die Tschetschenen und in Afghanistan mussten auch Russlanddeutsche mitkämpfen. Annähernd 200 Jahre
galt es als selbstverständlich, die deutsche Kultur und Sprache zu bewahren,
sowohl den heimischen Dialekt wie auch die Sprache der Luther-Bibel, der Gebet-
und Liederbucher der Mennoniten und der katholischen Gesangbucher. Die Sprache
wurde in deutschen Schulen vermittelt und war auch an deutschen Hochschulen in
Russland selbstverständlich. Erst einige Jahre vor Beginn des Zweiten
Weltkriegs musste an bis dahin deutschen Schulen in russischer oder ukrainischer
Sprache unterrichtet werden. Während des Kriegs (und auch noch lange Zeit
danach) war das Deutsche als Sprache des existenzbedrohenden Feindes verpönt.
Die Zahl derer, die die deutsche Sprache als Muttersprache betrachteten, ging ab
1941 drastisch zurück Die enorme Verstädterung der Russlanddeutschen von 4,4
Prozent im Jahr 1914 auf 52 Prozent im Jahr 1989 zeigt deutlich die Landflucht
vor allem der jüngeren Generation. Die Geschlossenheit von rein deutschen
Siedlungen ging nicht nur durch die Deportationen zu Beginn des Zweiten
Weltkriegs verloren, sondern auch durch den Wegzug der Jüngeren in die Städte. Die gemeindliche
Selbstverwaltung führte zu einem ausgeprägten Selbstbewusstsein der
Russlanddeutschen. Im Gegensatz zu den russischen Landsleuten waren sie keine
Leibeigenen mehr. (Die Leibeigenschaft in Russland wurde erst 1861 aufgehoben.) Die Einrichtung der
Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen 1924 brachte eine
(allerdings nur kurze) Blüte für die Wolgadeutschen, freilich unter
kommunistischen Vorzeichen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell blühte
die Republik auf und wurde zu einem Zentrum der deutschen Kultur in der ganzen
Sowjetunion. Hier wurde in über 400 Schulen in deutscher Sprache unterrichtet,
desgleichen in zahlreichen Technikschulen und Hochschulen. Ein deutsches
National- und Kindertheater tradierte kulturelle Werte. Mehr als 20 regionale
und fünf überregionale deutschsprachige Zeitungen gaben Zeugnis von einer
konsequenten Nationalitätenpolitik. Mit dem Zwang, die russische Sprache kurz
vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht nur im Unterricht, sondern auch in der
Verwaltung und bei Gericht zu verwenden, wurde die deutsche Sprache auf Dauer
nachhaltig zurückgedrängt. Zwischen 1929 und 1931
schlössen die Kommunisten die Kirchen und Bethäuser, in denen die Einwanderer
über 100 Jahre lang ihre religiöse Identität ungestört bewahren konnten. Die
Glocken wurden zerstört und die Kirchen entweiht und zu profanen Zwecken
benutzt, zum Beispiel als Kulturhaus oder Viehstall. Gottesdienste waren nun
untersagt, und zahlreiche Pfarrer und Kirchendiener wurden verhaftet und
eingesperrt. Mit dem Beginn des
deutsch-sowjetischen Kriegs waren die Russlanddeutschen nicht nur aller
Vorrechte, sondern auch aller Menschenrechte beraubt. Schon im Juli 1941
verschleppte man die 45.000 Krimdeutschen nach Zentralasien und ab August auch
die 350.000 Wolgadeutschen nach Kasachstan und Sibirien. Als 1943/44 auch die
Schwarzmeerdeutschen ihre Heimat verlassen mussten und in riesigen Trecks nach
dem Westen in den Warthegau zogen, waren die großen geschlossenen, von
Russlanddeutschen bewohnten Gebiete entvölkert, und bis heute durften nur
wenige von den über eine Million Deportierten in ihre alte Heimat zurückkehren.
Seit vielen Jahrzehnten wohnen dort in den ehemals deutschen Dörfern Russen und
Ukrainer, die sich gegen eine Rückkehr der Deutschen wehren. Die Russlanddeutschen
begrüßten 1917 den Sturz des Zaren, der, obwohl mit einer deutschen Fürstentochter
verheiratet, nicht (mehr) als Freund der (Russland)Deutschen angesehen wurde.
Die kommunistische Oktoberrevolution jedoch betrachteten sie eher mit Argwohn,
vor allem wegen der Verstaatlichung von Grund und Boden. Der Bürgerkrieg zog
besonders die Wolgadeutschen in Mitleidenschaft, deren Siedlungsgebiet zwischen
der Front der Roten und der zaristischen Weißen lag. Armeeeinheiten beider
Parteien des Bürgerkriegs rekrutierten mit Zwang junge Soldaten unter den
Russlanddeutschen. In der Wolga-Kolonie beschlagnahmten nicht nur die Roten und
Weißen, sondern auch marodierende Banden alle Lebensmittel. Den deutschen
Bewohnern der südlichen Ukraine ging es nicht besser. Mehrere Aufstände der
Bauern gegen die brutale Zwangseintreibung von Lebensmitteln wurden blutig
niedergeschlagen. Den deutschen Widerstand versuchte die Rote Armee nicht nur
durch Requisitionen und Enteignungen zu brechen, sondern auch durch Einzel- und
Massenerschießungen. Relativ wenige Deutsche
gehörten in den Jahrzehnten zwischen 1917 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs
der kommunistischen Partei des Sowjetstaats an. In der Wolgarepublik war
zwischen 1922 (154 Mitglieder) und 1927 (371) nur ein geringer Anstieg zu
verzeichnen. 1932 zählte man 4.538 Mitglieder, aber nur knapp die Hälfte von
ihnen waren deutschrussischer Herkunft. Die Russlanddeutschen galten als
unpolitisch und hielten an ihrer angestammten Religion fest. Durch die Wirren des Bürgerkriegs
brach 1921/22 eine Hungersnot aus, die Tausende von Russlanddeutschen
dahinraffte. Viele wanderten in ihrer Verzweiflung nach Sibirien, dem Kaukasus
und in andere Gebiete aus. Die Hungersnot hatte sich wahrend der Zeit des
Kriegskommunismus wegen der inneren Instabilität und des schroffen Vorgehens
der Bolschewiki in ganz Russland ausgebreitet. Die Zahl der Hungertoten wird auf
fünf Millionen geschätzt. Viele Russlanddeutsche wurden durch Hilfslieferungen
von Landsleuten in Amerika gerettet, die Jahrzehnte zuvor ausgewandert waren.
Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin (1950-1953),
hatte 1918 als deutscher Kriegsgefangener mit guten russischen Sprachkenntnissen
von Lenin die Aufgabe übertragen bekommen, als Leiter des Wolgadeutschen
Kommissariats eine autonome Verwaltung einzurichten. Gegründet wurde zunächst
eine Arbeitskommune, freilich auf der Grundlage der Diktatur des Proletariats.
Die Russlanddeutschen standen dem neuen Gebilde sehr reserviert gegenüber. Dies
hatte zur Folge, dass sie in den Verwaltungsorganen der Wolgarepublik deutlich
unterrepräsentiert waren, desgleichen in der 1924 errichteten deutschen
Wolgarepublik. Der Kriegskommunismus
mit den rücksichtslosen Beschlagnahmungen hatte zur Folge, dass die Bauern
total verarmten. In der gesamten Sowjetunion wurde anfangs der 20er Jahre nur
noch etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen bebaut. Die von Lenin
daraufhin eingeführte Neue Ökonomische Politik (1921-1928) brachte auch den
deutschstämmigen Bauern wesentliche Erleichterungen. Der Staat verzichtete nun
auf jegliche Beschlagnahmen von Lebensmitteln und forderte die Privatinitiative.
Grund und Boden konnten wieder gepachtet und Arbeitskräfte eingestellt werden.
Die neuen Vergünstigungen führten zu einer landwirtschaftlichen Blüte, ohne
dass freilich der Vorkriegsstandard ganz erreicht wurde. Ende Dezember 1929 verkündete
Stalin die Liquidierung der Kulaken als Klasse. In den von Deutschen besiedelten
Gebieten trieben die Kommunisten die Zwangskollektivierung in mehreren Schüben
mit Macht so voran, dass zum Beispiel in der Wolgarepublik Mitte 1931 bereits 97
Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe enteignet und kollektiviert waren, während
der Prozentsatz in der gesamten Sowjetunion erst 25 Prozent betrug. Als
Hauptgrund hierfür führten Funktionäre ins Feld, dass die Deutschen alle
Kulaken bis ins Mark seien. Wer als Kulak eingestuft war (das heißt in den
Augen der Kommunisten als wohlhabend), wurde als Klassenfeind inhaftiert und zu
einer langen Gefängnisstrafe oder Verbannung verurteilt. Die meisten wurden
nach Mittelasien deportiert. Insgesamt waren in der Sowjetunion von der
Deportation in jenen Jahren 1,8 Millionen Kulaken betroffen, darunter überproportional
viele Deutsche, zum Beispiel allein 60.000 Wolgadeutsche. Die Vernichtung der
Kulaken hatte eine zweite Hungersnot innerhalb von zehn Jahren mit schätzungsweise
sechs Millionen Opfern zur Folge. Das waren mehr als 1921/22. Man schätzt die
Zahl der Verhungerten in der Wolgarepublik zwischen 1929 und 1933 auf 54.000
Menschen. Etwa 100.000 Menschen flohen aus der Republik, um dem Hungertod zu
entgehen. Die Krise hielt im Grunde an bis zu einer Rekordernte 1937. Seit der Machtübernahme
Hitlers kamen die Russlanddeutschen erneut in den Verdacht, politisch unzuverlässig
zu sein und mit dem Feind zu paktieren. Mit großem Misstrauen verfolgten die
Kommunisten die Bemühungen karitativer Institutionen in Deutschland seit Januar
1933, die hungernden und notleidenden Deutschen in der Sowjetunion zu unterstützen.
Das Zentralkomitee in Moskau forderte die örtlichen Parteiorganisationen auf,
dafür zu sorgen, dass die konterrevolutionären und antisowjetischen Kontakte
zwischen den Russlanddeutschen und den Faschisten in Deutschland aufhörten. In
der Wolgarepublik wurden 200 angeblich faschistische Elemente verhaftet und zum
Teil erschossen. 1934 ordnete das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei an,
Personallisten von der deutschen Bevölkerung zu erstellen, die bei der
Deportation 1941 noch eine wichtige Rolle spielten. 1936 folgte eine
weitere Verhaftungswelle in der Wolgarepublik, verbunden mit zahlreichen Ausschlüssen
aus der Partei. Der Geheimdienst glaubte an eine nationalistisch-faschistische
Untergrundorganisation, die Pläne schmiede, um die Faschisten im Fall eines
Kriegs gegen die Sowjetunion zu unterstützten. Die Geheimpolizei verdächtigte
auch die deutschen Funktionäre in Fabriken und Kolchosen und die Schriftsteller
der Wolgarepublik, die inhaftiert und zum Teil erschossen wurden. Da deutsche
Fachleute von Russen und Ukrainern ersetzt wurden, trat die deutsche Sprache in
den Hintergrund. Durch Abmachungen des
Hitler-Stalin-Pakts vom August 1939 wurden 65.000 Deutsche aus Wolhynien und
93.000 aus Bessarabien ins Deutsche Reich und in besetzte polnische Gebiete
umgesiedelt. Auch die anderen Sowjetdeutschen hofften darauf, bald in den Westen
ausreisen zu können. Zu Beginn des Zweiten
Weltkriegs spielten Russlanddeutsche in der Roten Armee kaum eine Rolle. Die
deutschen Männer in der Ukraine wurden nicht an der Front eingesetzt, sondern
im Hinterland beschäftigt, zum Beispiel damit, Vieh und Landwirtschaftsgeräte
in den sicheren Osten zu verfrachten. Es war vorgesehen, die gesamte deutsche
Bevölkerung in der Südukraine und in Südrussland zu deportieren, doch durch
den raschen Vormarsch der deutschen Truppen konnte der Befehl nur sehr unvollständig
umgesetzt werden. Die mehrere 100.000 zählenden Schwarzmeerdeutschen begrüßten
zwar die deutschen Truppen, in der Hoffnung, dass die Leiden jetzt ein Ende
hatten. Sie zeigten sich auch dankbar, dass sie ohne große Kontrolle leben und
arbeiten durften und dass die Kirchen nun wieder geöffnet waren. Aber irritiert
und abgestoßen waren sie von den massenhaften Judenmorden, die zum Teil vor
ihren Augen stattfanden. Die Russlanddeutschen
wurden zunächst nicht als gleichberechtigte deutsche Bürger anerkannt. Die
Ukrainedeutschen erhielten beispielsweise lediglich einen Volkstumsausweis. Die
deutsche Staatsangehörigkeit bekamen sie in der Regel erst dann, wenn sie zum
Beispiel im Warthegau gesiedelt hatten. Nach Berichten von Augenzeugen ging es
den Volksdeutschen wirtschaftlich für einige Jahre gut, bis mit der näher rückenden
Front das große Leiden begann. Es war ein
Befehl, der uns alle zum Trecken zwang, sagte Frau Herner, eine
Schwarzmeerdeutsche in einem Interview (Wertheim, November 2000), wer
nicht mittrecken wollte, sollte erschossen werden - von deutschen Soldaten!
erklärte sie kopfschüttelnd. Mehrere 100.000 begaben sich 1943/44 auf den
monatelangen Treck, oft genug den Tod vor Augen, bei Schlamm auf den Straßen,
Eiseskälte, Hunger und fehlender medizinischer Versorgung. Besonders viele
Kinder und Alte starben unterwegs. Die meisten wurden von der Roten Armee überrollt
und als Sowjetbürger nach Sibirien oder Kasachstan repatriiert, das heißt in
ihr Vaterland in Güterwagen zwangsverschickt. Rund 75.000 Russlanddeutsche, die
nach Kriegsende in den vier Besatzungszonen untergetaucht waren, konnten den
Suchkommandos der Sowjets entkommen. Wegen der Feindschaft
zwischen Stalin und Hitler sind für die mit Misstrauen beargwöhnten
Russlanddeutschen seit Mitte der 30er Jahre Aufnahmebeschränkungen bei der
Roten Armee eingeführt worden. Dennoch wird vermutet, dass zur Zeit des
Kriegsbeginns am 22. Juni 1941 noch viele Russlanddeutsche der Roten Armee angehörten,
trotz der verordneten Entlassungswelle. Die demobilisierten Deutschen wurden vom
sowjetischen Geheimdienst zwischen Juli und Oktober 1941 in Sondereinheiten
zusammengefasst. Damit war der Kern der Arbeitsarmee geschaffen, in der die
Deutschen zur Zwangsarbeit beim Bau von Eisenbahnen, Wegen und Kanälen, in
Fabriken sowie in Kohle- und Erzbergwerken herangezogen wurden. Nur der Form
nach handelte es sich um einen Teil der Roten Armee, in Wirklichkeit war sie dem
Geheimdienst unterstellt. Bei der Arbeitsarmee handelte es sich um ein ganzes
Netz von Zwangsarbeitslagern. Es war eine Mischung zwischen Armee einerseits und
Arbeits- und Konzentrationslager andererseits. Ohne Unterscheidung der militärischen
Ränge wurden die Trudarmisten in Arbeitsbrigaden eingeteilt. Vom äußeren
Erscheinungsbild her machten die von Geheimdienstoffizieren (NKVD) geführten
Brigaden eher den Eindruck von Gefangenenkolonnen als den einer Arbeitsarmee.
Die Bedingungen und Normen der Zwangsarbeiter waren extrem hart. Sie hatten
einen 12- bis 14-stündigen Arbeitstag bei kargen Essenrationen, zum Beispiel
bei 300 Gramm Brot und einer dünnen Suppe täglich. Häufige Krankheitsfälle,
bedingt durch Hungerrationen, extreme Kälte, unzureichende Unterkünfte und
nicht ausreichende medizinische Betreuung, hatten zahlreiche Todesfälle zur
Folge. Nur in den Anfangsmonaten wurden die ersten Einheiten der Arbeitsarmee
als Hilfsbataillone hinter der Front eingesetzt. Seit Herbst 1941 wurden alle Männer
zwischen 18 und 50 Jahren eingezogen, dann auch Jugendliche im Alter von 15 und
16 Jahren. In einer dritten Etappe kamen seit dem Frühjahr 1942 die Frauen von
18 bis 40 Jahren hinzu. Die Zahl der
Trudarmisten wird auf 100.000 geschätzt. Erst in den Jahren 1946 und 1947
wurden die Deutschen aus der Arbeitsarmee entlassen. Wenn sie sich mit ihren
Angehörigen in der Deportation vereinigten, unterstanden sie jetzt ebenfalls
der Sonderkommandantur bis 1955. Der 28. August 1941
gilt vielen Russlanddeutschen als der schwärzeste Tag ihrer Geschichte. Ein
Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets dekretierte die Übersiedlung der
Deutschen, die in den Wolgarayons
wohnen. Die deutsche Wehrmacht hatte in schnellen Vormärschen riesige Gebiete
der Sowjetunion erobert. Die Sowjets behaupteten (Beweise hierfür sind nicht
bekannt), dass es im Wolgarayon Zehntausende von Spionen gebe, die nach einem
Signal der Faschisten Sprengstoffanschläge verüben sollten. Mit den
kollektiven Schuldzuweisungen (die auch später nicht zu beweisen waren) wurden
die Russlanddeutschen aus bisherigen Mitbürgern zu Verfemten, Ausgestoßenen
und Rechtlosen. Auch die deutschstämmigen Mitglieder der Kommunistischen Partei
und deutsche Führungskader wurden deportiert. Ein weiterer Erlass verfügte die
Aufhebung der Autonomie der Wolgarepublik; die einzelnen Gebiete wurden anderen
Rayons zugeteilt. Das war das Ende der Wolgadeutschen Geschichte. Zu den insgesamt
800.000 von der Deportation betroffenen Deutschen in der Sowjetunion zählten über
350.000 Wolgadeutsche. Nach Kriegsende wurden auch rund 250.000
Schwarzmeerdeutsche, die 1943/44 unter der Leitung von deutschen Soldaten wegen
des Vormarschs der Roten Armee in den Westen getreckt waren, repatriiert, aber
nicht in ihre alte Heimat, wie ihnen vorgegaukelt wurde, sondern nach Kasachstan
und Sibirien. Seit dem deutschen Überfall
auf die Sowjetunion richtete sich der Zorn der Sowjets auch auf die
Russlanddeutschen als vermeintliche Sympathisanten mit der deutschen Wehrmacht
und dem deutschen Faschismus. Die inneren Feinde zwängte man in Viehwaggons.
Sie litten unter Hunger und Durst bei katastrophalen hygienischen Verhältnissen.
Viele Tausende starben auf der langen Reise, besonders Alte und Kinder. Die
Ziele waren der Raum Novosibirsk (100.000 Wolgadeutsche), Omsk (85.000),
Kasachstan (100.000) und die Altai-Region (95.000). Am Bestimmungsort teilte man
sie auf einheimische Familien auf, bei Sibiriendeutschen, bei Russen und
Kasachen. Andere mussten sich mit Notunterkünften zufrieden geben, wieder
andere wurden in der kasachischen Steppe unter primitiven Bedingungen
angesiedelt. In aller Eile mussten Erdhütten gegraben werden. Von der Deportation im
Verlauf des Kriegs waren weitere 1,3 Millionen Personen betroffen, denen die
Sowjets misstrauten. Auch die Tschetschenen, Krimtataren, Inguschen und Kalmücken
sind nach der Deportation unter Sonderkommandantur gestellt worden. Nach der
bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 konnten die
Deutschen in der Sowjetunion auf lange Zeit keine Besserung ihres Schicksals als
Zwangsarbeiter in der Trudarmee oder unter der Kommandantur erwarten. Deutsche
Truppen hatten den mörderischen Krieg tief ins sowjetische Hinterland
hineingetragen. Tausende von Dörfern und Hunderte von Städten waren zerstört,
und über 20 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet, erschlagen
und ermordet. Nach Kriegsende mussten auch Millionen von Sowjetbürgern mit
Hungerrationen und hohen Arbeitsnormen leben, freilich mit dem wesentlichen
Unterschied gegenüber den Russlanddeutschen: nicht hinter Stacheldraht oder
unter der Kommandantur. Die Russlanddeutschen trugen immer noch das Stigma, Verräter
gewesen zu sein. Hunderttausende von Zivilisten, zumeist Ukrainer und Russen,
waren noch in Deutschland als Zwangsarbeiter verschleppt. Die völlig verarmte
sowjetische Bevölkerung hatte in der Nachkriegszeit noch lange unter hohen
Arbeitsnormen beim Wiederaufbau und unter Hungerrationen zu leiden. Die Öffentlichkeit in
der Sowjetunion erfuhr über die Russlanddeutschen schon seit der Kriegszeit
nichts mehr, weder in Zeitungen, noch im Radio. Das Verbot, brieflich mit den
Verwandten im Westen zu verkehren, bestand auch nach der Kapitulation weiter.
Ein Dekret des Obersten Sowjets vom 26. November 1946 legte lapidar fest, dass
die Deutschen, Kalmyken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Finnen, Letten und
andere in die [für sie] bestimmten Rayons auf ewige Zeiten umgesiedelt wurden.
Mit 20 Jahren Gefängnis hatte zu rechnen, wer den Aufenthaltsort ohne ausdrückliche
Genehmigung verließ. Bundeskanzler Adenauer
konnte 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, in zähen Verhandlungen erreichen,
dass die letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen freigelassen wurden. Außerdem
wurde ihm, wenn auch nur mündlich und nicht verbindlich, zugesichert, dass rund
130.000 Zivilpersonen ausreisen dürften. Es handelte sich um Volksdeutsche aus
der Südukraine, die zwischen 1941 und 1944 die deutsche Staatsbürgerschaft
erworben hatten. Außerdem entließ man die Russlanddeutschen aus der Zugehörigkeit
zur Sondersiedlung, das heißt die Kommandantur wurde abgeschafft. Der Erlass
des Obersten Sowjets vom 13. Dezember 1955 brachte außerdem klar zum Ausdruck,
dass kein Deutscher mit der Rückgabe des 1941 konfiszierten Vermögens rechnen
könne. Die Deutschen mussten schriftlich erklären, dass sie weder in ihre frühere
Heimat zurückkehrten noch dass sie Ansprüche auf ihr eingezogenes Vermögen
geltend machten. Die relative Freiheit führte seit 1955 dazu, dass eine Art Völkerwanderung
von Deutschen in der Sowjetunion vom kalten Norden in die wärmeren südlicheren
Gebiete stattfand, nach Westsibirien, Kasachstan und Mittelasien. Viele hofften,
ihre seit über zehn Jahren vermissten Angehörigen aufzufinden. 1955/56 wurde
in Barnaul, der Hauptstadt des Altaigebiets, zum erstenmal wieder eine deutsche
Zeitung herausgegeben. Die Periode des
Tauwetters unter Chruschtschow ließ bei den Russlanddeutschen Hoffnungen
aufkeimen, dass ihnen endlich gleiche Bürgerrechte eingeräumt würden. Nach 23
endlos scheinenden Jahren wurden sie wenigstens zum Teil rehabilitiert. Am 29.
August 1964 dekretierte der Oberste Sowjet unter Bezugnahme auf den Erlass vom
August 1941, das Leben habe gezeigt, dass die pauschalen Beschuldigungen, alle
Deutschen seien Diversanten und Spione, unbegründet und ein Akt der Willkür
gewesen seien. 1965-1967 legten
russlanddeutsche Delegationen beim Obersten Sowjet in Moskau mehrmals
Forderungen vor. Sie wollten nicht nur das Recht, in die alten Siedlungsgebiete
an die Wolga zurückzukehren, sondern auch die Zusage, die deutsche Sprache und
Kultur weiterentwickeln zu dürfen. Im Grunde wehrten sie sich gegen die seit
Jahrzehnten von den Behörden mit Nachdruck verfolgte Russifizierung. Der
Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets in Moskau, Anastas Mikojan,
erklärte, man könne nicht alles wieder gutmachen, was in der Geschichte
geschehen sei; die Wiedereinrichtung der autonomen Wolgarepublik scheitere an
dem riesigen wirtschaftlichen Aufwand. Doch werde man den Russlanddeutschen größere
kulturelle Freiheiten gewähren. Dies wurde jedoch in der Realität nicht
umgesetzt. Die deutsche Sprache, seit 1941 in der Öffentlichkeit verpönt und
von den Lehrplänen in den Schulen gestrichen, war mittlerweile in der Gefahr,
unterzugehen. Die mittlere Generation und die Kinder und Jugendlichen bedienten
sich schon Ende der 80er Jahre der russischen Sprache, die offiziell zweite
Muttersprache genannt wurde. In Wirklichkeit war sie für die meisten schon längere
Zeit tatsächlich zur ersten Muttersprache geworden. Viele jüngere Deutsche
zogen von den Dörfern in die Stadt und heirateten oftmals russische Partner. Während
es Mitte der 20er Jahre bei den Russlanddeutschen 15 Prozent gemischtnationale
Ehen gab, lag der Anteil 1945 bei rund 25 Prozent. Nach langen Jahren des
multinationalen Zusammenlebens und der zunehmenden Assimilierung stieg die Zahl
zu Beginn der 90er Jahre gar bis auf rund 75 Prozent In russisch-deutschen Ehen
dominiert in der Regel das Russische Obwohl man den Deutschen seit 1965 gleiche
Bildungschancen zugestanden hatte, jedenfalls theoretisch, zeigt die geringe
Zahl von deutschen Hochschülern, lediglich drei Prozent, dass bei der Vergabe
von Studienplätzen die Deutschen eindeutig benachteiligt wurden. Herbert Wiens
stellte fest, sie seien zu einem Arbeiter- und Bauernvolk degradiert worden. Als
1979 in Jermentau bei Zelinograd (später in Akmola, dann in Astana umbenannt)
den Russlanddeutschen eine Autonomie zugebilligt wurde, scheiterte der Versuch
an heftigen antideutschen Demonstrationen kasachischer Studenten, die mit
Parolen agierten wie: Alle Deutschen nach
Sibirien! und Kasachstan den Kasachen!
oder Sonderkommandantur wiederherstellen!. 1980 wagten sich
russlanddeutsche Demonstranten in Moskau auf dem Roten Platz mit
selbstgeschriebenen Plakaten an die Öffentlichkeit, auf denen die freie
Ausreise aus der Sowjetunion verlangt wurde. In Minutenfrist hatte der
Geheimdienst die Plakate weggenommen. Erst mit dem Gesetz über Aus- und
Einreise von 1987 nahm die Zahl der Aussiedler im Rahmen der Familienzusammenführung
im Zeichen der liberaleren Politik der Perestroika sprunghaft zu. Wahrend
zwischen 1950 und 1960 nur knapp 14.000 Deutsche ausreisen durften, von 1960 bis
1969 rund 8.000, in den 70er Jahren aufgrund des deutsch-russischen Vertrags von
1970 etwa 560.00 und in den Jahren 1980-1986 rund 16.000, schnellten die Zahlen
seit 1987 in die Hohe, von rund 14.000 im Jahr 1987 bis über 200.000 im Jahr
1993 Die extreme Zunahme von Spataussiedlern führte in den darauf folgenden
Jahren dazu, dass wegen Mangels an Wohnungen und Arbeitsplätzen gewisse Grenzen
der Aufnahmekapazitäten in der Bundesrepublik erreicht worden waren. Die Eingliederung der
Russlanddeutschen ist im Großen und Ganzen gelungen, nicht zuletzt durch den
Arbeitswillen und den sprichwörtlichen Fleiß. Für das russlanddeutsche
Sprichwort Arbeit, komm', ich fress' dich
auf! gibt es 1.000fache Belege. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger unter den
rund 3.000 Russlanddeutschen in der Großen Kreisstadt Wertheim ist angesichts
der großen Probleme, mit denen sich viele Familien herumplagen müssen, extrem
niedrig. Es ist bekannt, dass die Russlanddeutschen, Männer wie Frauen, ohne zu
zögern eine Arbeit annehmen, um auf eigenen Fußen stehen zu können Wenn die
Integration besonders bei vielen Jugendlichen noch nicht im wünschenswerten Maß
gelungen ist, sollte man Verständnis aufbringen, weil sie mit der deutschen
Sprache längst nicht so vertraut umgehen können wie mit der russischen. Viele
Familien waren oder sind in einer Zerreißprobe. In der Regel leben die meisten
Mitglieder einer Großfamilie in der Bundesrepublik. Die Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland steht allen Spätaussiedlern bei Fragen und Problemen der
Eingliederung mit Rat und Tat zur Seite. Bei der Feier 50 Jahre Landsmannschaft im Oktober 2000 im Neuen Schloss in
Stuttgart wurde dankbar vermerkt, dass Baden-Württemberg bereits vor 20 Jahren
die Patenschaft für die Russlanddeutschen übernommen hat. Minister Dr. Schäuble
versprach in seiner Festrede, dass die Geschichte der Volksgruppe in Zukunft stärkere
Berücksichtigung in den Schulen finden werde. Er verwies nicht nur auf die enge
Kooperation zwischen der Landesregierung und der Landsmannschaft, sondern auch
auf die Hilfen unseres Landes für die Deutschen in St. Petersburg und die an
den Universitäten in Freiburg im Breisgau und Heidelberg vom Land
eingerichteten Forschungsstellen über die Deutschen in Russland. In Wertheim konnte der
örtliche Verein mit einer großzugigen privaten Spende, der tatkräftigen
Unterstützung der Stadt und viel Eigenleistungen von Russlanddeutschen ein Haus
der Begegnung einrichten. Die Räumlichkeiten werden dankbar für
Veranstaltungen unterschiedlicher Art angenommen, sowohl von Jugendlichen wie
von Erwachsenen. Die Deutschen aus Russland besitzen hier ein gut
funktionierendes Kommunikationszentrum, das zunehmend auch von einheimischen Bürgern
besucht wird. Aussiedler. Hg. von der
Bundeszentrale für politische Bildung. Hefte 222 und 267 Bonn 1989 und 2000. Ein langer Weg im
Kreis. Hg. von der Gustav-Walle-Schule Würzburg. Würzburg 1998. (Geschichte,
Schicksal und Kultur eines russlanddeutschen Dorfs von 1910 bis um 1995). Johann und Hans Kämpen:
Heimatbuch der Deutschen aus Russland. 2 Teile. Hg von der Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland e.V. Stuttgart 1999/2000 (Empfehlenswert sind auch
weitere 24 zuvor erschienene Heimatbücher) Bernd G Längin: Die
Russlanddeutschen unter Doppeladler und Sowjetstern. Städte, Landschaften und
Menschen auf alten Fotos. Augsburg 1992 Otto Langguth:
Auswanderer aus der Grafschaft Wertheim. Sonderdruck aus Familiengeschichtliche
Blätter 30/3 (1932)S.4ff. Benjamin Pinkus und
Ingeborg Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion Geschichte einer
nationalen Minderheit im 20 Jahrhundert. Bearb. und hg von Karl-Heinz Ruffmann.
Baden-Baden 1987. Russland. Hg von Gerd
Stricker (Deutsche Geschichte im Osten Europas) Berlin 1997 (Standardwerk) Karl Stumpp: Die
Auswanderung der Deutschen nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862. Tübingen
1974 (Über 1.000 Seiten, enthalt detaillierte Landkarten mit Auswanderungsorten
sowie umfangreiche Namenslisten). Volk auf dem Weg.
Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1763-1986. Eine kurze Übersicht. Hg
vom Kulturrat der Deutschen aus Russland e.V. und der Landsmannschaft der
Deutschen aus Russland e.V. 31986 (Siehe auch weitere, ergänzte
Auflagen, zum Beispiel 51997) Volk auf dem Weg. Hg.
von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. Monatszeitschrift Jg.
2000/ 2001. Viele
Detail-Informationen stammen von Augenzeugen, von Interviews mit
Russlanddeutschen (2000/2001), die in Wertheim wohnen: Susanne und Alexander
Eirich, Martha Herner, Anna und Johann Jezlaw, Katharina und Erhard Lämmle,
Maria Meisinger, Katharina und Philipp Müller, Lili und Jakob Müller, Susanne
Stang, Elvira und Alois Zerr.
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